Christian Kathriner












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Farbsplitter, zusammengekehrt unter Bildern — In einer anderen Zeit

von Josef Felix Müller

Hellblau am Morgenhimmel und die Streifen
auf der Schürze der Magd, das Wasser inmitten
des Bachs strahlend scheint es von den
forellenschnell gemalten Augen.
Kühl aus der Sicht des Vogels und steil am See.
Die hellste Stimme im Chor erklingt in kühlem
reinen Blau und mischt ein neues Veilchen
In ein Gesicht, kommende Nacht.
Vibrierender Schatten im Schnee, die Keule im
Dunkeln.

Rotbraune Bete, Randen, Rote Bete.
Dralle Lippen überall.
Rot.
Scharf im Licht, stumpf und braun im Dämmer.
Stamm und Fell und Feld und Furche.
Warmes Blut im Klee, von abgewischten
Dolchen.
Vorhang Samt und Seide.
Ein Tröpfchen Blut auf seiner Wade.
Schabe schnell gequetscht.

Rosarotes, faltiges Kleid, schreitet bedächtig
vorbei (lichtecht und blumig).
Pralle Euter schnell entleert.
Zunge des Hundes schlabbert im Schaum.
Abendsonne am Berg, Sonntagskuchen im
Schrank, mit dickem Guss.
Ministrantenbacken glänzen im Kerzenlicht.
Aufgekratzter Rücken wegen Mücken.
Schlaf.
Rosaroter Schimmer bleibt des Bauern Trost.

Ocker, erdige Wärme, Kälberschiss, Senf auf
dem Feld, unterm Baum, zur Wurst.
Falsch geschüttelt, platzt die reife Schale und es
spritzt das helle Fleisch der Frucht auf deine
Birne, gülden gemaltes Korn und Pferderücken.
Ausgelassenes Fett auf Brot geschmiert.
Löwenzahnbitter und honigsüss die Gelbtöne,
im Schein des Mondes. An der Sonnenblume
gezupft und gefragt ob er sie liebe.
Gelb vor Eifersucht.

Grün und spinatig klebt es am Arm des
Besamers, das Halbverdaute. Trotz ekelhaftem
Naturfurz im Gesicht wird der Beruf nicht
aufgegeben. Auch des Malers Grün spritzt ab
und zu daneben.
Scheisse.
Die Galle muss vorsichtig weg, sonst verbittert
das Fleisch.
Spitzwegerichgrün und frisch gemalt im Gras,
des Hasen Gedanken leichtfüssig zum Nächsten.

Das Dunkel aller Farben verklebt die Nacht zur
Schwärze. Das Innere behütet, im Schutz der
warmen Körper.
Konturen der Geschichte zeichnen Stiefel,
Bärte, Geier, Schwerter, Fenster, Nischen,
Schüsse und Angst im Keller.
Durch das Astloch dringt gebündeltes Licht wie
ein Strahl auf dampfendes Heu.
Im Traum das grosse Bild vollendet, bekränzt
Mit Farbsplittern aus einer anderen Zeit.

Erstveröffentlichung in Obwaldner Künstlerhefte 2001/2002, St. Gallen, Vexer Verlag, 2002