Christian Kathriner












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Vom Wesen des Pferdes

Leon Battista Alberti

Eine Weihegabe.
An Leonello, den Fürsten von Ferrara und die Freude des Menschengeschlechts

Ein Büchlein über das Wesen des Pferdes

Als ich hierher nach Ferrara kam, um dich, erlauchtester Fürst, aufzusuchen und zu begrüssen, kann ich nicht leicht ausdrücken, von welch grosser Freude ich erfüllt war, als deine äusserst schöne Stadt, deine äusserst bescheidenen Bürger, dich, den höchst geachteten und gebildeten Fürsten sah. Ich habe nämlich gemerkt, wie wichtig es ist, in einem solchen Staatswesen zu leben, in dem man in Musse und mit Seelenruhe dem besten Vater des Vaterlandes, der die Gesetze und Sitten genauestens beachtet, gehorcht. Aber darüber ein anderes Mal.
Zu dieser Freude kam hinzu, dass ich – der ich gewohnt bin, mich wissenschaftlich zu beschäftigen - dort eine sehr willkommene, vorzügliche Möglichkeit antraf: Diese habe ich sehr gerne deinet- und meinetwegen aufgenommen. Denn als deine Bürger begonnen hatten, für deinen Vater mit grösstem Aufwand Reiterstatuen auf dem Marktplatz aufzustellen und die darin trefflichsten Künstler wetteiferten, haben sie mich, dem Malerei und Bildhauerei grosse Freude bereitet, auf dein Geheiss hin, als Richter und Sachverständigen erwählt. Als ich immer wieder die Werke selbst, die mit wunderbarer Kunstfertigkeit geschaffen sind, betrachtete, kam mir in den Sinn, nicht nur über die Schönheit und Darstellung, sondern auch über das ganze Wesen und den Charakter der Pferde nachzudenken.
Es fiel mir ein, wie die Pferde für alle öffentlichen und privaten Bedürfnisse der Menschen, für die Gewalt in den Kriegen und zur Zierde in Friedenszeiten geeignet sind: entweder werden sie nämlich von der Wildnis geholt, um Häuser und Paläste, alles, was zur Erziehung der Familie gehört, zu errichten oder auf Grund des Kriegswesens werden des Ruhmes Erhabenheit und der Freiheit Zierde erworben, tatsächlich benützen die Menschen bei der Ausführung dieser Dinge die hilfreiche Anstrengung dieser belebten Wesen am meisten: so, dass ich glaube, Wohl und Würde könne nicht ohne die Hilfe der Pferde aufrechterhalten werden. Soll man noch erwähnen, dass dieses Wesen als einziges sogar den Göttern Nutzen und Zierde verleiht?\\ Nicht Phoebus mit dem Feuerwagen, nicht Neptun, der sich über den Dreizack freut, der Herrscher über den Ozean, nicht beinahe alle übrigen Götter würden entsprechend ihrer Majestät ausreichend geschmückt oder für die Durchführung ihrer Handlungen ausreichend geeignet erscheinen, wenn die Pferde vor allen nicht zu ihren Wagen gerufen würden.
Das lieblich anzusehende Wesen, bei dem man sich wundert, dass es so grosse körperliche und geistige Kräfte, verbunden mit einer geradezu unglaublichen Sanftmut, besitzt, und in so aufgewühlter Brust ein so sanftes und gelehriges Naturell wohnt. Mit dem schmalen Zügel wird dieses dazu getrieben, dass sogar der Brustpanzer des zornigen Feindes zertreten wird. Das Pferd hat sogar gelernt, in der Schlacht bei Trompetenklang und Gesang im Gleichschritt mit der ganzen Schlachtreihe vorzurücken, nur seinen Herrn als Reiter zu dulden, diesem die vom Boden aufgesammelten Waffen hinzuhalten, damit er als jubelnder Sieger zu seinen Leuten zurückkehren kann.
Es führte zu weit, aufzuzählen, wie grosse Wohltaten die Pferde ihren Herren erwiesen haben, das tatsächlich vom göttlichen Augustus den Pferden die wohl verdiente Ehre eines Grabes, von den Bürgern Agrigents eine berühmte Pyramide, vom Diktator Caesar eine Statue beim Tempel der Venus errichtet wurde, vom Makedonier Alexander ein prächtiges Leichenbegängnis und anstatt eines Grabes und einer Inschrift eine Stadt mit dessen Namen gegründet wurde. Als mir dies und alles Andere dieser Art in den Sinn kam, habe ich, weil mir der Stoff, mit dem ich mich beschäftige, sehr geeignet erschien, weil ich ebenso sehe, dass dich die Lektüre meiner Abhandlungen sehr erfreut und weil ich selber Musse habe, in diesen Tagen, an denen ich hier bei dir war, begonnen, mich nach meiner Gewohnheit mit der Niederschrift dieses Themas zu beschäftigen. Darüber habe ich nach Möglichkeit bekannte und unbekannte Autoren, die etwas über das Pferd schrieben, gesammelt; und alles, was richtig und wertvoll war, nahm ich aus den einzelnen Schriften in meine auf. Die Autoren, die in meine Händen gerieten, waren folgende: griechische: Xenophon, Absyrtus, Chiro, Hippocrates und Pelagonius; lateinische: Cato, Varo, Virgilius, Plinius, Columella, Vegetius, Palladius, Calaber, Crescentius, Albertus, Abbas; ausserdem gallische und etruskische Autoren: sie sind zwar unbekannt, aber nützlich und erprobt. Ja auch von den besten Ärzten nahm ich das, was sie zu dieser Sache beizutragen scheinen. Die Übrigen mögen, wenn sie mich nur gelesen haben, mich so einschätzen: nicht, dass an Arbeiter und Verwalter des Viehs, sondern an den Fürsten und zwar einen sehr gebildeten Mann, und er könnte - vielleicht mehr als das ungebildete Volk - wün- schen, dass ich beim Schreiben über dieses Thema mich zurückhalte. Deshalb mögest du, Fürst, wenn du uns nur liest, überzeugt sein, dass ich mich in allen unseren Nachtarbeiten um nichts mehr bemüht habe, als dass wir uns von Tag zu Tag in jeder Angelegenheit dankbarer zeigen. Aber nun will ich mich dem Thema selbst zuwenden.

Traktat über das Wesen des Pferdes

Trachte, dass diejenigen, die nach deinem Willen den Stammbaum begründen sollen, eine schöne Gestalt, und dafür passendes Alter haben. Als Stammhalter musst du vor allem den Hengst auswählen, der einen starken Körper hat und dessen gesamten Gliedmassen möglichst kräftig sind und eine gleichsam vollkommene Schönheit aufweisen, wie frühere Autoren darüber anraten. Am Schönsten ist nach ihrer Feststellung das Pferd, das folgendes Aussehen hat: einen mässig grossen Kopf, eine auffallende Zähigkeit, ziemlich anliegende, zierliche Ohren, eine zwischen beiden Brauen hervorstehende Stirn und hervorstechende, dunkle, reine Augen; es gefallen ihnen angeschwollene und offene Nüstern, eine nicht geschlossene, sondern bogenförmig sich öffnende Backe. Die Mähne gefällt, wenn der Kamm schmal und kraus ist, und darauf ziemlich ungeordnet auf die rechte Seite fällt. Ein länglicher und wegen des Nackens graziler Hals findet Gefallen; dieser soll danach ziemlich schnell zu den Schultern hin enden. Weiters finden sie ein Pferd mit knochigen Schultern schön; das Schulterblatt, soll nicht hervorstehen, nicht eingefallen, sondern gleichmässig und nach ihrer Vorstellung verdoppelt sein. Der Schweif soll stark sein, locker wallen und doch festhalten, fest und kräftig sein. Die Brust sei aufgerichtet, und durch den ganz Brustkorb kräftig: ebenso in gleichmässigem Abstand zu den beiden Flanken. Der Rumpf gefiel den Alten, wenn er nicht zu gross sei. Die späteren Autoren hielten den Rumpf für schön, wenn er länglich ist und wenn die Teile des Rumpfes zwischen den Rippen voll sind und nicht hervorragen.
Die Hoden sollen nicht zu geschwollen sein, nicht herabhängen, sondern gleichmässig rund sein. Überhaupt sei die Grösse der Hüften so, dass sie durch die Dichte und Fülle der Muskel Kraft bringen, besonders aber zur Anmut des übrigen Pferdes passen. Die Knie seien nicht krumm, nicht geschwollen, sondern durch eine sichere Kugel zusammengehalten. Die Schenkel seien leichtbeweglich, sauber und nirgends höckerig. Die Gelenkshöhlen der Beine soll nicht lotgerade sein [wie die der Ziegen] sein, nicht schlank und auch nicht auf dieser oder anderen Seite mehr als nötig verhüllt, sondern frei und rund. Das Huf sei rund, gleichmässig ansteigend, habe gutes Horn, sei gewölbt, widerhallend, dunkel und recht biegsam. Beim ganzen Pferd billigen die einen aschgraue Farbe beim Rücken, vom Nacken bis zum Schweif , die anderen bevorzugen die dunkle russfarbige Farbe, wo rot mit schwarz vermischt ist; die anderen die weisse Farbe mit Ringen.
Deshalb wünschte man beim Vater der Herde folgendes Ausssehen: Man wollte, dass dieses ausgezeichnet durch den Ruhm an Kränzen und berühmt durch ruhmvolle Siege bei Wettkämpfen sei. Das Muttertier hält man für umso ehrenvoller, je mehr es in Aussehen und Art den männlichen Tieren nahe kommt. Im Übrigen wollen sie, dass dieses Muttertier offene Brust und Schultern, sehnige und muskulöse Glieder habe, wenn es nur einen riesigen, plumpen, fetten, sondern anmutigen Körper und besonders breite Hinterkeulen und Bauch habe. In den übrigen Belangen sei es gleich im Alter und in der Beschaffenheit aller Glieder. Beide seien frisch und reif zur Fortpflanzung. Das Alter zwischen dem 3. und 10. Lebensjahr ist für die Fortpflanzung sehr geeignet. Manche behaupten, die Hengste seien bis zum 33. Lebensjahr für die Zucht sehr zu brauchen. Bei diesen, behauptet man, könne man das Alter durch die Beschaffenheit der Zähne erkennen. Denn bis zum 30. Monat fallen, wie es heisst, die oberen mittleren Zähne etwas später auch die entsprechenden unteren aus.
Wenn sie vierjährig sind, fallen auch -wie es heisst- die anderen, die den ausgefallenen zunächst sind, aus, und darauf wachsen die, welche die Vorfahren Eckzähne nannten. Bis zum 4. Jahr verlieren sie ebenso die Zähne der zweiten Reihe. Im sechsten Lebensjahr haben sie - wie sie sagen - ihr Wachstum abgeschlossen, besonders aber haben sie dann alle Zähne. Dennoch werden sie im siebten Jahr noch stärker. Nach dieser Zeit geben die Zähne keinen Hinweis auf das Alter, es sei denn dass die hervorstechend und gelblich zu werden beginnen und zugleich die Augenbrauen grau, die Schläfen hohl werden, der Hals schlaff wird und die Hufe anfangen morsch zu werden. Wenn ein derartiges Zeichen vorhanden ist, zeigt es an, dass es mehr als 10 Jahre schon gelebt hat. Im 12. Jahr, heisst es, beginnt bei den mittleren Zähnen das schwärzliche Innere zu wachsen. Die Überlegung anderer bei der Erkennung alter Pferde ist folgende: Sie ziehen das Fell über dem Kinnbacken mit den Finger zu sich und lassen es sogleich los. Wenn dieses sofort in die alte Form zurückkehrt, weist es auf ein junges Tier hin. Wenn dieses runzelig bleibt, dann zeigt es je nach der Anzahl und Tiefe der Falten ein altes Tier an. Wieder andere überlegen anders. Sie glauben nämlich, bei den Lippen sei ihr Alter eingeschrieben: Sie behaupten, dass das Pferd so viele Jahre gelebt habe, wie viele Falten es bei der oberste Spalte des Maules habe. Und man sagt auch, die Pferde lebten bis zum 50. Jahr, und man habe auch Pferde angetroffen, die 75 Jahre alt geworden seien. Das hänge auch von der Gestalt und dem Alter der Eltern ab. Es gibt auch Einiges, was einigermassen dazu beiträgt. Es sind solche auszuwählen, die fruchtbar, voller Brunft, keinesfalls müde und erschöpft sind, damit daraus keine schwächliche und kränkliche Nachkommenschaft aufgezogen werde.
Und man behauptet auch, dass Hengste nicht 15 Jahre lang einzelne Stuten an sich heranlassen. Ausserdem müssen die Zeiten erfasst werden, in welchen die Stuten zur Paarung gezwungen werden können. Man muss nämlich dafür sorgen, dass die Nachkommenschaft nicht dann zur Welt kommen, wenn entweder durch die nackten und ausgetrockneten Wiesen oder durch Hitze oder Frost dazu kommt, dass der Mutter die Flüssigkeit oder dem Fohlen die Milch fehlt. Im Übrigen tragen sie 11 Monate, im 12. gebären sie. Man ermahnt, sie in der Tag- und Nachtgleiche des Frühlings zum Geschlechtsakt zusammenzuführen. Aber zur Vereinigung seien sie so vorzubereiten, dass sie freiwillig, mächtig, beinahe wohllüstig sich begehren und sich gegenseitig anwiehern. Also, bei der gleichsam gesetzlichen Hochzeit müsse man Nahrung herbeibringen, dass die Kräfte für die Zucht ausreichen. Wenn sie zu kalt sein sollten, müssen sie durch Zurufer zur Liebe aufgestachelt werden. Denn mit Krabbe, Brennessel, zerstampftem Pfeffer und mit derartigen scharfen Mitteln müsse die Stelle betastet werden, wo die Begierde erregt wird. Mit der Hand, die mit derartigen Liebesreizmittel beschmiert sind, müssen die Nasen für neue Gattinnen bereit gemacht werden. Dadurch geschehe es nämlich, dass, gleichsam durch herangebrachte Funken, die Lust entflammt werde. Dadurch seien sie begehrlicher, um die Begierde zu entflammen und die Fackeln der Lust zu löschen.
Ausserdem müsse man sich hüten, dass er nicht zufällig zur Lust ausbricht, damit er nicht den Reichtum der Verbindung und den Wert der Anstrengung mit Mühe und leicht vernichtet und damit er nicht durch Zwietracht oder Streit zuvorkommt oder nicht in Ekel verfällt. Dadurch werde das Mass gehalten, wenn sie an abwechselnden Tagen, am Abend, nicht an einem heissen und schmutzigen, sondern an einem schönen und schattigen Ort zugeführt werden. Bei den ersten Verbindungen pflegten sie zu wild zu sein; deshalb müssten sie zu Recht mit der Hand und dem Riemen beim Liebesakt zurückgehalten werden, damit sie nicht dem begierigen Hengst die Mühe des Begleitens zufügt. Denn wenn sie beginnt die Liebe überhaupt zu verachten und den Gatten abzulehnen, müsse die unwillkommene Begierde des Bereiteren beseitigt werden. Wenn aber die Stuten in Liebe ziemlich entbrennen, werden sie in ihrem Gefühl erkalten, wenn ihre Mähne abgeschnitten ist. Wenn sie trächtig gewesen ist und ihr Junges geboren hat und aufzieht, befehlen sie, sie von der übrigen Herde zu trennen. Und zwar, damit die jungen Tiere in der Herde eines Übermütigen oder durch den Angriff eines Kämpfenden nicht in Gefahr geraten. Man müsse dafür sorgen, dass sie beim Nichtstun nicht durch Frost und Hunger abmagere, durch Schmutz räudig werde, damit bei einem übervollen Euter die Milch nicht schlechter werde. Wenn ein Junges als Waise zurückbleibt oder das Muttertier nicht ernähren kann, müsse man dafür sorgen, dass eines der Tiere das Junge aufzieht.
Diesem muss man sofort Nahrung zuführen und zwar eine solche, dass sie auch leicht zu kochen ist. Dazu gehören gemahlener Dinkel, Gerstenmehl und sehr zartes Pflanzenlaub. Bei der Nahrung muss man der Trächtigen nur das Beste geben, und man soll erwägen, was es mehr liebt, bis dass es – ohne Ekel davor – recht satt werden und mit Flüssigkeit sogleich gefüllt werden kann. Sie, die Sachverständigen, ordnen an, man solle zunächst die jungen Fohlen in Ungezwungenheit halten, dürfe sie nicht hart behandeln, sie nicht zu Schwierigen antreiben, sie nicht über schwierigen, holprigen oder durch schwarzen Lehm verdorbenen Weg zwingen, damit nicht ein Stein, auf den es tritt, die zarten Hufe schwächt und durch das Horn kaum niedergetreten wird, damit nicht, wenn es auf die Knie fällt oder auf das Schienbein und die Sehnen ausgleitet, irgendein Unfallschaden geschieht. Sie sollen also massvoll auf einer feuchten Wiese, in der Früh in grösserem Raum, wobei das Muttertier den Weg vorgibt, zu schnellerer Bewegung angetrieben werden. Je stärker sie durch das Alter geworden sind, umso mehr scheint jeder für ein Lob empfänglich zu sein, wenn sie zu Anfang ihres Lebens daran gewöhnt werden. Denn von der Natur ist nicht allen zugeteilt, dass alle dasselbe können. Denn die einen sind beim Kriegshandwerk feuriger, andere besser geeignet, olympische Siege zu erringen, wieder andere besser geeignet für Arbeit im Haus, im zivilen Bereich und in der Landwirtschaft. Und man glaubt, dass die die beste Anlage haben, wenn sie bereit zu jeder Bewegung sind; besonders wenn es vibrierenden Körper, dröhnende Läufe, begierige, verdächtige, schnell reagierende Ohren, grimmige Augenbrauen, wachsames Auge, aufgestellten Schweif hat, wenn es sich schmückt, um die Kräfte zu zeigen.
Zugleich sollen die übrigen Glieder leicht und lebhaft sein, beinahe glänzen, wenn es zum Sprung oder Lauf ansetzt. Deshalb haben, so behauptet man, die Pferde, die so geartet sind, die edelsten Anlagen und sind geschaffen, um das Vaterland gegen den Feind zu schützen, die Herrschaft zu erweitern und den Fürsten Freude zu bringen: umso näher werden sie kommen, Ruhm zu erwerben, je näher der Fleiss und die Fähigkeit des Lehrers dahin gekommen ist, den Gebrauch seines Pferdes Fähigkeit zu bilden. Aber auch wenn die Pferde von der Natur selbst dem Menschengeschlecht zum Gebrauch im Krieg und Kampf anvertraut scheinen, glaubt man, dass sie vor allem an die Künste herangeführt und in ihnen unterwiesen werden, die zur Musse und zum Frieden gehören. Denn wie bei den Bürger jeder, indem ihn entweder das Beispiel der Kameraden oder das Nacheifern im Ruhm oder der Antrieb der Befehlhaber oder der Zufall der Ereignisse selbst so drängt, auch Rekrut und gewöhnlicher Soldat werden, im Augenblick zu den Waffen gerufen und getrieben werden kann; was zu einem guten Charakter, zur Pflicht, zur Würde eines Bürgers gehört, wird nicht ohne Lehren der Weisen herangebildet und nicht ohne Eifer und Sorgfalt beibehalten; ebenso verhält es sich genau bei den Pferden.
Also damit der milde, umgängliche, gütige, gerechten Befehlen gehorsame Soldat auch dem Herrn sehr gern gehorcht, glaube ich, müsse er sich vor allem mit ganzer Sorge und Beharrlichkeit darum bemühen. Die geeignete Zeit, um das Pferd zu seiner Fähigkeit zu führen wird da sein, sowie das dritte Lebensjahr vollendet sein wird: in dieser Zeit muss es von jeder Ausgelassenheit , von der Möglichkeit, unstet und zügellos zu leben und von jeder Schmach ausgelassener Liebe zurückgehalten werden. Denn man sagt, die jungen Pferde würden allzu erschöpft, frühzeitig altern, nicht im vollen Besitze der Liebeskraft sein, wenn sie irgendwie in dieser Zeit der Liebe gedient haben. Aber auch nicht in einer [kurzen] Zeit und plötzlich in der Anfangszeit dürfe es jeden Befehl kennen lernen und es dürfe ihm nicht jeder beschwerlicher Dienst auferlegt werden, sondern zuerst die Zügel, dann der Zaum und danach der Sattel [Kissen]. Wenn diese ihnen aufgelegt, werden sie zum Nutzen gezwungen. Und um dies auf sich zu nehmen, dürfe das ungewohnte und am jungen Alter sich erfreuende Pferd keinesfalls mit irgendeiner Schärfe [gehalten werden], sondern müsse gleichsam auf freudvolle Art verlockt und in die Aufgabe eingeführt werden. Die zarten Pflanzen, an die es sich auf den Weiden gewöhnt hatte, müssen auch im Stall gegeben werden; danach müsse Heu gegeben und – gleichsam als Zukost – einige Handvoll von Gerste zugelegt werden.
Von da an dürfe das kauende Pferd – gleichsam heimlich – an die Zügel gebunden werden. Diese sollen nicht hart und auch zu kurz sein, so dass keine Möglichkeit bleibt, seinen Körper zu bewegen und sich auf dem Boden auszuruhen, aber auch nicht zu lang, dass es gleichsam ein Fallstrick sei, um die kaum wahrgenommenen Läufe zu fesseln und die Schienbeine ebenso zuzuschnüren. Damit dafür ziemlich sicher gesorgt werde, müssten die einen Zügel, so befehlen sie, auf die rechte, die anderen auf die linke Seite gelegt werden. Ja sogar müssen sie - nach ihrer Weisung – weiche Fussfesseln haben, damit man umso mehr sich um die Ruhelosigkeit der angebundenen Pferde sorge. Also müsse man das, was ihnen angenehm ist, zukommen lassen, und, was ihnen unangenehm ist, fernhalten. Aber mit der Hand müsse man, um gleichsam Freundschaft zu begründen und ein Bündnis zu schliessen, die Brust streicheln und schliesslich den ganzen Körper: und besonders müsse man die Beine behandeln, heben, glätten und reiben. Wenn sie sich daran gewöhnt in der Ruhe am Zügel zu kauen, müssten härtere Pflanzenbündel oder ein Holzzweig anstatt des Heus, heute ein wenig, Tags darauf etwas mehr, und am dritten Tag wieder etwas mehr zu geführt werden. Von da an müsse ein Zügel aus Eisen, das mit Honig und Salz bestrichen ist, mit Riemen hinzugesetzt werden und mit der Hand durch den Hof und Nachbarschaft geführt werden.
Ebenso müssten die einen und anderen Zuschauer und Menschen, die sie mit der Hand streicheln und durch Zustimmung ermuntern, beigezogen werden, und es müsse in der Öffentlichkeit, auf dem Marktplatz , im Theater und bei grösseren Menschenzusammenkünften vorgeführt werden. Aber die Art und die Grösse des Zügels sei von dieser Art, dass es nicht an der geschwollenen Kehle, nicht an der Nase, die oben gleichsam gebrochenen ist, hängt, sondern von dieser Art, dass es, wenn es massvoll und bescheiden den Dienst tut, - mit einem langen, wohlgenährten, schlanken Hals auffallend – dasteht, besonders aber dasteht, um die Blicke bei ihren Schritten zu mässigen. Dann müssten mit gleicher Sanftheit und Milde müssten der Sattel, mit welchem es bedeckt werden soll, gezeigt werden. Danach müsste er gern auf den Rücken gelegt werden, dann wieder alg- und wieder aufgelegt, dann wieder bedeckt und mit Schnüren verknotet werden. Und es müsse trainiert werden, damit es einen Knaben, der sich bald vorneigt, bald darauf setzt, dann wieder besteigt, danach herabsteigt, ohne Ärger trägt. Aber man müsse darauf achten, dass nichts auf dem Rücken zu schwer lastet. Auf Grund desselben Unrechts, wird es nicht nur für die Schultern und den Rücken eine schwere Last, sondern es kommt auch dazu, dass es mit gedrehten und unschicklich bewegten Vorderläufen daherschreitet.

1. Wie das Pferd zum Kriegshandwerk auszubilden ist.

Im Übrigen ist es mit diesen Sitten, bei den übrigen Fähigkeiten muss es ausgebildet werden, um die Mühen für die Würde und den Ruhm des Vaterlandes zu ertragen, den Bürger zu schützen, den Feind zu vertreiben, und zum übrigen, ganzen Nutzen und Ruhm. Bei dieser Arbeit muss man sich darum kümmern: dass es anspruchslos und gehorsam sei; Vorwärtsschreiten beim Errichten der Schlachtordnung, ruhiges Stehen im Hinterhalt; unbeirrtes Entgegengehen, sicheres und gleichmässiges Andrängen; schnelles Vorwärtstürmen, starkes Schwimmen; heftiges, wildes und gemässigtes Anstürmen; grosse Freudenbezeugung beim Umzug und heiteres Vergnügen. Vielleicht muss man sich darum kümmern, was die Sarmaten zu tun pflegen: sie bilden nämlich die Pferde so aus, dass sie Hunger ertragen und nur mit dem Trinken zufrieden sein können. Für die Durchführung grösstenteils dieser Angelegenheiten gibt es zwei sehr gute Hilfsmittel: der Zügel, mit dem es unter Gewalt gehalten werden kann, wenn es zufällig, unüberlegt, unbesonnen entweder auf ein nicht gegebenes Zeichen oder an ungünstigem Ort den Feind angreift oder zufällig durch Gemütsschwäche oder aus Furcht flieht und den Standort verlässt.
Ebenso seien dagegen Stacheln, mit welchen, wenn es nachlässig und müssig sein sollte, zur Pflicht angestachelt wird, erfunden worden. Deshalb müsse es durch die Hand und die Ferse so sehr abgerichtet werden, dass es, wenn es zu eigensinnig sei, zuerst mit der blossen Ferse und weichen Rute, danach mit Stacheln angetrieben wird. Wenn es aber entgegen dem Befehl hierhin und dorthin zu gehen beginnt, müsse zu jedem Schritt etwas mit der Hand mit den Zügeln, nach und nach und massvoll das Zügel auf das Gesicht geschlagen werden. Sowie es aber gehorche, müsse man sogleich mit solchem Stachel aufhören, damit das störrische Tier glaube, es rühre von seinem unpassenden Schritt, dass es mit dem Zügel geschlagen werde. Wenn es aber vielleicht aus Halsstarrigkeit anfange, den Zügel mit dem Gebiss zu ergreifen, müssten die ersten 4 Schneidezähne, die im Volk „die Alten" heissen, aus dem Unterkiefer entfernt werden.
Ebenso nützt es bei Erlernen der Disziplin, wenn man einige erprobte Pferde als Begleiter beiziehst, durch deren Beispiel, Nutzen es von Tag zu Tag den Widerwillen vergisst und sich daran gewöhnt, die Tugend der Guten nachzuahmen. Bei diesen soll es lernen zu folgen, voranzugehen und gleichsam mitten durch die Schlachtordnung zu gehen, bald stehen zu bleiben, bald Schwieriges anzugehen, bald weit zu fliehen. Manche befehlen, ihnen solle man einige grobe und schaurige Baumstrüncke vorwerfen und, damit es gerade das und anderes gut erkenne, müsse man es schön um es herumführen und daneben anhalten. Untertags müsse es auch an einem Ort angebunden werden. Dann müsste man Haufen von Spreu, das mitten in den Lauf geworfen wird, haben, damit es viel springe und sich an die Gefahr gewöhne. Schliesslich müsse man ohne Gewalt versuchen, dass es daran gewöhne, alle grundlosen Ängste und Geräusche oder Bewegungen der Schwadronen zu fürchten. Aber diese müsse man massvoll anwenden; und vor allem müsse man sich hüten, dass, wenn man sich um die Gesundheit sorge, es nicht mit schlechten und gleichsam frechen Sitten erfüllt werde. Ausserdem müsse man sich hüten, dass es sich fortwährend fürchte, davon renne, die Zügel abweise und seine Freiheit missbrauche.
Das trete ihrer Behauptung nach ein, wenn es immer auf demselben Ort laufen, springen, einkehren soll; oder wenn man ihm gegen seinen Willen mit zu harter und ungewöhnliche Hartnäckigkeit Befehle erteilt. Darum müsse es bald einen geringen, bald einen etwas grösseren Lauf machen, hinauf und hinunter; das Gesicht müsse es bald oft in diese, bald in die andere Richtung richten und vor allem müsse man achten, dass es nicht mit einer Beharrlichkeit mächtiger und als Sieger zu übertrieben einherschreite. Und dabei muss der Trainer seine Gemütsregung zügeln, damit es - nicht gewöhnt an dessen Zögern – in seiner Furcht vor schrecklichen Ereignissen sicherer werden kann. Auch muss man dafür sorgen, dass keine Beschwerden, um den erlittenen Schrecken zu vergrössern, durch die Macht des Reiters dazukommen. Ebenso muss man sich immer wieder vorsehen, dass das jugendliche Pferd nicht nur für die Tätigkeiten, die nützen werden, angemessen und gut ausgebildet erscheint, sondern auch vor allem auch das Mühevolle und Schwierige gut und entschlossen, entsprechend dem Alter, kann. Man muss auch darauf achten, wenn wir den Gesundheitszustand frisch bewahrt haben.

2. Was bei den Pferden meistens schlechten Gesundheitszustand schafft

Folgendes wird als für die Gesundheit abträglich genannt: Musse, Sättigung, Schmutz; ebenso auch das Gegenteil: Müdigkeit, Hunger und wohl auch allzu grosses Vergnügen. Denn offensichtlich kommen von diesen sehr viele schwere Krankheiten. Denn infolge des Hungers kommt es zur Eindämmung der Begeisterung, zur Ermattung der Kräfte, darauf zur Schwäche und zum Einbruch der Fähigkeiten, zu Niedergeschlagenheit, darauf zur Unsicherheit Blindheit: weil aber die Glieder des Leibes, kraftlos und schwach, den nicht genug gekochten Saft entzogen haben, kommt es, dass Glut im Magen zurückbleibt, feuriges Blut in den Adern aufsteigt und verzehrender Saft zur Haut dringt. Daraus entstehen Räude, persisches Feuer und schlechte gesundheitliche Verhältnisse dieser Art. Auf Grund der Müdigkeit entsteht ein Schmelzen der Säfte, daraus eine Unempflindlichkeit bei den Muskeln der Macula und bei den Gelenkhöhlungen.
Infolge der Trägheit, des verdorbenen und vollen Magens entsteht ebenso viel mehr. Denn Verschliessung und fast jeder Art von Abszessen entstehen aus dem zu viel in den Adern aufgenommenen Blut und aus den unmässig gefüllten Gefässen kommen durch die Gewalt des innerhalb der Eingeweide sprudelnden und unruhigen Saftes hervor. Durch den Schmutz, gleichsam infolge einer Ansteckung, wird der reine, unversehrte Saft verdorben: Besonders der stin-kende Dunst des Mistes innerhalb des Stalles ist sehr schädlich für die Füsse der Tiere, weil er durch die Wärme das Blut aufwallt, durch die Schärfe eindringt, durch die Feuchtigkeit mürbe macht. Und das besonders dort, wo der stinkende aufgenommene Dampf, wenn das Tier vom warmen Ort an die Luft geführt wird, durch die Kälte stärker verhärtet. Ja sogar, wenn es regnet, so sagen sie, werden die Tiere räudig. Deshalb entstehen aus diesen Dingen sehr viele Krankheiten. Und an dieser Stelle dürfen wird das, was wir daraus bedenken, übergehen: jedes Tier wird, wenn es vor allem in einem dunklen Stall längere Zeit müssig gestanden ist, überhaupt faul und – bei den leisesten Geräuschen und bei allen Bildern – ausser der eigenen Art – furchtsam, ängstlich und verwirrt. Schliesslich behaupten die Ärzte, dass wie durch massvolles und abgestimmtes Training die Kraft vergrössert und gefestigt wird und in jedem Alter stark sei und gute Gesundheit gewahrt wird, es sehr darauf ankomme, zu welcher Zeit oder an welchem Ort wieviel und auf welche Weise dem Training selbst angepasst werde.
Die Trainingszeiten seien dann gut und möglichst erfolgversprechend, wenn nicht in der Hitze, nicht bei grosser Kälte, nicht in der dunklen Nacht, sondern in angenehmer und milder Luft, in der Frühe beim ersten Morgenrot und spät bis zum Sonnenuntergang, ausser bei der Dämmerung. Der Ort muss der Art des Trainings und das Training dem Alter angepasst sein. Denn nicht für alle darf dasselbe, sondern das eine für die Fohlen und Zarteren, anderes für die Jungen und Stärkeren genommen werden. Denn es kommt darauf an, ob man die ganz jungen Pferde von klein auf zu den Früchten des Trainings lockt. Damit das auch leicht eintrete, befehlen sie Folgendes: das Muttertier muss wie die Zielsäule keineswegs sehr weit weg vom Fohlen, auf einer saftigen und grünen Wiese sichtbar sein, und bei mässigem Schritt, wie bei der Flucht vom nachfolgenden Fohlen ein wenig ferngehalten werden. Schliesslich müssen sie auf vergnügliche und spielerische Weise, wenn es nötig sein sollte, auch mit leichter Rute ermuntert werden, mit Gleichaltrigen willkommene Quellen zu besetzen. Danach müssen sie – entsprechend dem Alter – allmählich durch die Praxis abgehärtet werden, um grössere Anstrengungen zu ertragen, nicht bis zur Ermattung, nicht bis zum äussersten Schweiss.
Weil dieses eine Wesen von ehrgeizigem und ruhmreichem Charakter ist, muss es auf lustvolle Art zum Eifer Ruhm zu erwerben, beinahe mit ganzem Blut entbrannt, geführt werden. Wenn diese Regel bei jedem Fortschritt des Trainings beibehalten wird, wird es mit kleinen Zugaben von Tag zu Tag mehr an die Praxis gewöhnt. Es sollen auch die Orte und Zeiten, die für die Trainierenden nicht gefährlich sind und nach den Übungen das müde und schwitzende Pferd gut aufnehmen, ausgewählt werden. Schädlich sind für die durch Training Erhitzten die Winde; schädlich auch die Dunkelheit einer kalten Nacht; schädlich auch besonders der Mondschein. Deshalb soll es nicht weit entfernt von Haus und Stall zum Training schreiten müssen. Wenn diese Aufgabe erfüllt ist, dürfen sie wohl nicht in der kalten Nacht oder bei schwerem Nordwind zurückgeholt werden , dürfe man es nicht bei Ermüdung einer Gefahr aussetzen, keine neue Anstrengung bei Ermüdung hinzufügen. Dem muss man anfügen, was sie sagen, dass man die Pferde, die im Lauf besonders hervorragend sein sollen, kastrieren solle, damit die Kräfte durch heftige Bewegung nicht versiegen. Die nach deinem Willen kampfstärker und gegen die Gewalt verfolgender und Widerstand leistender Pferde wilder sein sollen, die sollen jedes Jahr im Herbst, wo sie mit starkem Samensaft angefüllt sind.
Nicht mehr als einmal zur Liebe zugeführt werden, sondern in beidem muss man überlegen, in welchem Alter sie sind, mit welchen Kräften und schliesslich welchem körperlichen Zustand sie für die Aufgabe, welche du anstrebst, ausgestattet sind. An dieser Stelle darf man das, was sie sagen, nicht übergehen, dass man sie nicht in die Arena und zum Wettrennen zur Übung geführt werden, wenn sie nicht vorher auf den Bauch eine schwere Last gelegt haben. Wenn sie vom Training zurückkehren, dürfen sie nicht auf die Weide oder zum Trinken geführt werden, bevor sie nicht Wasser gelassen haben. Dann erinnern sie auch, dass für die fetten, allzu gesättigten, vor allem ungewohnten Tiere, eine plötzliche Übung schädlich sein werde. Daher befehlen sie im ersten Frühling, in dem sie mit frischen Pflanzen das Blut reinigen, danach ein zehntägiges Mischfutter zuzuführen, müsse die Königsvene beim Bauch, die mit wässrigem Blut gefüllt ist, geöffnet werden. Ebenso im Sommer, damit nicht das durch die Hitze sprudelnde Blut zu üblen Abszessen führt; ebenso müsse im Herbst dieselbe Vene geöffnet werden, damit es nicht durch das Verlangen nach Futter und frischen Samen und mit Flüssigkeit zu sehr angefüllt werde und durch überfüllte Venen in Gefahr gerät. In dieser ganzen Angelegenheit befehlen sie Folgendes: Man solle den müden und mageren Tieren nicht die Vene öffnen. Den Kastrierten soll auch, so sagen sie, das Blut nicht unkontrolliert vermindert werden. Aber sie behaupten, dass nach einem Aderlassen viele Stunden kein Futter oder zum Trinken gegeben werden darf. Ebenso befehlen sie, man solle sie nicht an einem kalten Ort, nicht an der frischen Luft oder beim Wasser halten. Das gilt also vom Training. Sie mahnen auch, man müsse in grösserem Masse dafür sorgen, dass ihnen der Schmutz nicht schade. Wenn sie von der Arena und vom Hippodrom zurückkehren, sollen sie, so befehlen sie, folgendermassen aufgenommen werden: zuerst sie mit Decken zugedeckt und auf einem leichten Spaziergang durch die Gassen geführt werden, bis sie sich beruhigt haben. Danach solle es sich auf Streu und sich ein wenig herumwälzen, um sich, wenn es will, zu erholen.
Danach muss mit einem Striegel oder Schaber der Schmutz vom ganzen Rücken, vom ganzen Bauch und von den Flanken beseitigt werden. Manche sagen, nach dem Schwitzen müsse es mit Öl gesalbt werden. Danach müssen vor allem der ganze Kopf und die Beine gerieben werden. Das Frottieren müsse aber der Art sein, dass sie nicht zu viel, nicht schwer, und für die ziemlich zarte Haut nicht beständig und beschwerlich, geschweige denn fliessend und von ermüdender Weichheit sei, und nur so lange, bis es das Frottieren den Schmutz von den Stellen auf der Haut entfernt und wegwischt. Denn das Abreiben nützt aus folgenden Gründen: Es befördert die Durchblutung direkt von den Muskeln zur Hautoberfläche, dann bewirkt es, wenn der Schmutz, welcher durch seine Trockenheit die heraufkommende Durchblutung kaum hätte aufnehmen können, die Durchblutung anzuregen und anzuhalten. Danach müssen die Hufe mit viel, aber keineswegs sandigem Wasser – denn das schadet den Hufen – abgewaschen werden. Schliesslich sollen sie an den Futtertrog und im Stall, der sauber geputzt, von jedem Mist gereinigt und von ekligem Gestank frei ist, angebunden werden. Sie befehlen auch, die Pferde sollen mit zwischen ihnen angebrachten Latten von Zank und Streit abgehalten werden. Gleichen Aufwand muss man auch am Morgen in der Morgendämmerung pflegen: Der Schmutz muss beseitigt, die Hufe vom in der Nacht aufgenommen Mist befreit werden; wenn irgendeine Verunreinigung aufgetreten ist, muss man die an Ort und Stelle beseitigen.
Schliesslich muss man es (=das Pferd) dazu führen, die Pflicht des Lernens und die Mühe des Trainings auf sich zu nehmen. Wenn es aber zurückkehrt, muss man es mit dem Aufwand, den wir beschrieben haben, im Stall aufnehmen. Ausserdem soll man es untertags, zumal im Sommer, nur auf dem harten, blossen Boden, ohne Spreu, halten. Danach soll man den hungrigen und durstigen, aber nicht erhitzten Tieren, sondern erst dann, wenn sie Wasser gelassen haben, Wasser, vorerst nicht kaltes, nicht ungekochtes, nicht abstossendes, nicht modriges, sondern abgestandenes, von der Sonne gekochtes und warmes, reichlich und genügend geben. Und damit sie viel Wasser nehmen, sollen sie mit Salz zum Trinken angehalten werden. Denn das trägt viel zur Stärkung der Gliedmassen bei. Sie behaupten nämlich, dass nirgendwo als im Meer – wegen der Menge des Salzwassers – Tiere mit riesigen Körpern aufwachsen. Zunächst sollen nicht mehr als drei auf die einzelnen Pferde verteilt werden, in die unterste Grube, damit es dadurch, wenn es mit Vergnügen arbeitet, stärker an den vorderen Schienbeinen und an der ganzen Brust werde. Sie befehlen, Spreu, andererseits zerhacktes, gereinigtes Streu, nachdem man den Staub weggeschüttelt hat, hinzulegen, damit es oberhalb hänge.
Durch diese Übung, den Hals zu heben, soll das Pferd mit dem Kopf beweglicher und beim Hals schlanker werden. Ebenso wenn die Molke gut ausgetrunken ist, müssten drei Pfund Gerste und sehr viel Spreu gegeben erden. Im Gegenteil muss man anstreben, dass es nicht zu gesättigt und voll wird. Sie erinnern, dass man bei der Ausgabe des Futters dafür sorgt, dass sie bequem und ohne schwieriges Verrenken und Strecken die Nahrung vom Boden oder von der Höhe nehmen können. Bei den übrigen Sachen behaupten alle einhellig, dass es viel darauf ankommt, dass sie, wenn man von Tag zu Tag weniger an Vergnügen gewährt, dadurch sich daran gewöhnen, Kälte, Wachsein, Hunger, Hitze und Sand auszuhalten. Deswegen muss man später Hufeisen an die Füsse anpassen, damit, wenn es zufällig mit nackten Huf darauf tritt, diese -durch die frühe Übung durch Schwielen abgehärtet – weniger aufgerieben wird. Aber es ziemt sich, sich zu erinnern, wie angespannt jeder Teil unserer Glieder bei den Übungen, an die sie gewöhnt werden sollen, ist, wie schändlich es ist, den Pferden durch unsere Ungeduld oder Nachlässigkeit und Trägheit ein Unrecht zuzufügen. Wenn aber jemand fragen sollte, was bei jeder Erziehung der Pferde das Erste sei, so antworte ich: Das Erste bei mir ist, dass man das Pferd gut erzieht.
Denn unsere Vorfahren verkündigen, man dürfe dem Pferd keine Ferien gewähren. Was ist das Zweite? Dass du das Pferd fein behandelst. Denn auch Statuen aus hartem Elfenbein und Erz gehen durch Schmutz zugrunde. Was das Dritte? Dass du es weidest. Unsere Vorfahren stellten fest, dass die Tiere wie Sklaven sein werden, denen zu geben ist, was notwendig ist, und zu befehlen ist, was sie anständig können. Dies alles kann ihrer Behauptung nach nur durch die eine Sache erreicht werden: Das ist die Umsicht des Hausvaters. Ein altes Sprichwort steht bei Xenophon: „Durch das umsichtige Auge des Herrn werden die Pferde wohlgenährt.“ Es nützt wohl immer wieder, an jenes erinnert zu haben, was sie sagen, dass man sich immer hüten müsse, dass sie durch einen harte Befehlsgewalt und wütende Züchtigung widerspenstig werden. Keine Sache mache sie gewöhnlich mehr als der herzlose Befehl eines masslosen Herrn eigensinnig, mit der Ferse ausschlagend und nachlässig.
Ich hatte begonnen, etwas über die Pflege kranker Pferde zu schreiben, aber als ich merkte, dass so viele beste Autoren: Absyrtus, Chiro, Pelagonius, Cato, Columella, Vegetius, dann auch aus jüngster Zeit gute und in dieser Angelegenheit nützliche Schriftsteller: Palladius, Callaber, Albertus, Ruffus, Crescentius und Abbas gelehrt und passend geschrieben haben, beschloss ich, meine Mühe in dieser Angelegenheit nicht zu vergeuden, da ich einsehe, nicht anders wie die Alten bei gleicher Güte schreiben und auch nicht so wie die Alten, wenn ich den Vorwurf des geistigen Diebstahls meide, schreiben zu können. Dennoch schickt es sich, einige Mahnungen, die für die Sorge um die Pferde passend und sehr nützlich sind und sogar von den Alten nicht beschrieben sind, an dieser Stelle dargelegt zu haben. Das ist nun so. Einige kurze Ausführungen zu den Krankheiten der Pferde. Aus verschiedenen Zeichen erkennen wir nämlich, dass das Pferd nicht recht gesund ist. Das wird dann der Fall sein, wenn sich etwas entgegen der Gewohnheit, solang es die Glieder bei der Arbeit gebrauchte, anders verhält. Zum Beispiel: Wenn es vielleicht mehr schläft, sich weniger bewegt, gieriger frisst, hastiger trinkt, wenn es aus Ekel das Getränk oder die Nahrung ausspuckt, mehr oder weniger Wasser lässt, wenn es für den Bauch zu tiefliegend oder festgebunden ist, wenn es mit gesenktem Hals, wenn es schlechten Atem hat, es schlanker oder langsamer geworden ist, wenn es Atemnot hat, wenn es im Magen stinkend rumort , an den Ohren kalt ist, wenn es in der Ruhezeit schwitzt, magerer oder dicker geworden ist.
Aus diesen Anzeichen erkennen wir also, dass das Pferd nicht ganz gesund ist. Also soll man bei jeder Krankheit vor allem immer wieder die Anzeichen, die dann aufgetreten sind, überlegen. Mit äusserst sorgfältigem Verstand soll man untersuchen, woher das kommt, bevor es selbst etwas ist, was den Schaden verursacht. Mit ganzem Eifer soll man sich anstrengen, um die Ursachen der Krankheit abzuleiten und zu beseitigen. Man soll die üble Kraft vom wertvolleren Glied zu weniger wertvollem ableiten. Man soll sich sorgen, damit das, was herausgeflossen ist, nicht zurückbleibt; man soll sich darum kümmern, dass das, was drinnen steckt, nicht modert; man soll das, was modert, beseitigen, damit es das Gesunde nicht verdirbt. Kümmere dich, dass die Stellen, die hart geworden sind, weich werden; dass das, was Hitze verursacht, gemildert wird; dass das, was warm ist, heiss werde; was schlaff ist, hart werde; dass das, was durch Zugaben zu gross geworden ist, wieder abnehme.
Man soll nicht eilig Medikamente anwenden, man soll inzwischen alles tun, damit sich jenes mit den Kräften gegen die Krankheit stellt, womit die Natur unterstützt worden ist. Wenn die Natur beginnt, etwas zu reichlich zu reinigen, soll man sie antreiben, das Werk nicht zu weit zu treiben. Aber wenn die Natur vielleicht zu träge zu sein scheint, soll man nicht mit gleichsam herbeigeholter Gewalt, mit einem starken Medikament mit einem Angriff das Gift beseitigen, sondern leichter zur Aufgabe, die Gesundheit wieder herzustellen, locken. Man soll sich hüten, in allen Lagen etwas aus dem Verlangen, Experimente zu machen, für Stunden unüberlegt zu ändern: Alles, was sehr wirksam für die Heilung scheint, soll man wählen. Dennoch soll man vorher das, was durch Versuche erprobt ist, auswählen. Bei der Pflege soll man die Zeiten, die Art und Weise und die Dinge selbst, an die man sich gewöhnt hat, beibehalten. Sorge weiterhin, bis Du merkst, dass der Grund für das Übel nicht völlig und von Grund auf beseitigt ist. Denn das wäre schlecht, ständig ein krankes Pferd zu haben, sondern behalte die begonnene Pflege so lange bei, bis du merkst, dass das Tier beinahe durch seine eigenen Kräfte ganz gut gesund ist.

Übersetzung: Joseph Eisinger

Zum lateinischen Ursprungstext