Christian Kathriner












Archiv


Text


Bibliographie


Publikationen












Impressum

Treppe für eine fliegende Stadt

von Boris Magrini

Im Jahre 1204 rüstete sich Franz von Assisi in Spoleto zur Teilnahme an einem Kreuzzug, da erschien ihm im Traum eine befestigte, himmlische Stadt; Franziskus liess daraufhin von seinem Vorhaben ab, um sich fortan einem spirituellen Leben zu verpflichten; siebeneinhalb Jahrhunderte später veröffentlicht Johannes Itten seine Schrift 'Die Kunst der Farbe', worin er Theorien und die damit zusammenhängenden Versuche zu den Primärfarben erläutert: Blau, Gelb, Rot und ihre Kombinationen. Etwas später, im Dezember 1989, werden die diktatorische Regierung Nicolae Ceaucescu und deren Pläne zu einem Umbau Rumäniens von einem Volksaufstand hinweggefegt. Während den Demonstrationen schwenken Aufständische die rumänische Fahne, in welcher sie das zentrale sozialistische Emblem herausgeschnitten hatten, an dessen Stelle beliessen sie ein Loch. Welcher Zusammenhang verbindet Franz von Assisi, Ittens Farbenlehre und die rumänische Revolution von 1989?

Im Werk mit dem Titel 'Scala per una città volante' von Davide Cascio und Christian Kathriner, wird dem Treppenhaus der rumänischen Akademie in Rom ein Pfad eingeschrieben. Im Parterre beginnen die Grundfarben strahlenförmig, analog der Anordnung auf den Diagrammen Ittens. Hier verbinden sie sich, um der Treppe entlang emporzusteigen. Aus dem Parcours entlang der Treppe, gehalten in den Farben der rumänische Fahne, entsteht ein allegorischer Teppich, der das untere mit dem oberen Geschoss verbindet. Die Löcher in der Mitte des Polypropylen-Teppichs, evozieren Diktatur und Revolution Rumäniens, die abgesteckte Passage des Treppenhauses wird zu einer allegorischen Reise, ja zu einer Reise durch die Zeiten. Auf dem Obergeschoss angekommen, lassen die drei Farben das Bild einer befestigten Stadt erstehen, die Vision des heiligen Franziskus nachzeichnend, der Darstellung des Polyptichons des Sassetta entnommen.

Die Trikolore Rumäniens hat die Geschichte des Landes durchmessen, von der Monarchie über das kommunistische Regime, bis hin zur heutigen parlamentarischen Republik. Die Farben und ihr allegorischer Gehalt, repräsentieren die Welt der Ideen und Utopien, deren Werte dem geschichtlichen und geographischen Kontext unterworfen sind, von dem sie vereinnahmt werden. Wenn wir von Ittens Theorie ausgehen, können wir festhalten, dass die drei Grundfarben das ganze chromatische Spektrum umfassen und daher alles darstellen können. Es waren Künstler wie Piet Mondrian, Barnett Newman und Ellsworth Kelly, welche die drei Farben im Verbund benutzten. Es ist sicher kein Zufall, dass gerade diese Künstler der Malerei eine ausgeprägt transzendente Aufgabe zumassen. Im Werk von Davide Cascio und Christian Kathriner ist das Blau, das Gelb und das Rot als Rohstoff genutzt, befähigt die sichtbare Welt und die überirdische Welt der Utopien zu verbinden. Aber auch um einen symbolischen Pfad zu markieren, durch die Epochen, Ideologien und verschiedenen sozialen Organisationsformen hindurch. Wenn die Utopien und Ideale als Quelle und Voraussetzung für das menschliche Handeln verstanden werden, ist es ebenso wahr, dass sie für jedwelche Regierungsform und jedwelche Stadt am Anfang stehen. Denn jede Treppe ist bekanntlich in beide Richtungen begehbar.