Christian Kathriner












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«Es handelt sich nicht um ein verständnisloses Betrachten und um einen unentgeltlichen Genuss dekorativer Reize. Hier wird ein hoher Preis gefordert, und zum Verständnis bedarf es eines besonderen Sinnes: des Sinnes für das Wunderbare.»
Jean Cocteau, Essai de critique indirecte

Die Auffindung

von Thomas Gisler

Um das goldene Kind kreisen lauter Prinzessinnen und eine edel dargebotene Frucht. In leisen Gesten künden sie vom Wunder, das um sie geschieht. Das Bild flüstert durch die halbgeöffneten Münder der Schönheiten. Ein Streicheln des kindlichen Kopfes ist angedeutet, die Arme nach ihm ausgestreckt. Die Alte (Giorgiones) steht abseits und verfolgt die Szene mit nachdenklichem Lächeln. Wo beginnen? Wie dem Auge folgen in seinen Bewegungen zwischen Gesten, Blicken und Stoffen? Es gibt nirgends einen Anfang. Überall bin ich schon mittendrin. Nicht nur im Zauber der Szenen und Geschichten, sondern gleichsam gefangen in einer Architektur der Bilder. Einer Architektur aus Figuren und Faltenwürfen. Und die Himmel sind Kulissenzüge von Theaterbühnen, auf den Stücke aufgeführt werden, die angenehm vertraut und doch aufregend fremd sind.

«Man täte besser, mir Kirchmauern, den Saal eines Krankenhauses oder eines Rathauses zu geben und zu sagen: 'Malen Sie uns eine Eheschliessung, eine Genesung, eine schöne Ernte.' Dann würde sich vielleicht herausstellen, was in mir lebt, was ich in mir trage, seit ich geboren bin, und das wäre Malerei.» Cézanne an Gasquet. Auf der Einladungskarte aus Berlin lädt die kurze Briefstelle zur Ausstellung ein. In türkisfarbener Schrift, die an die Himmel de Chiricos denken lassen. Und auf dem Plan mit dem Grundriss einer Kirche in Kreuzberg sind die Wandnischen sorgfältig nach aussen geklappt und in den Zwischenräumen Namen, Titel und Bildmotive notiert: der nächtliche Fischzug etwa und der heilige Hieronymus und die Auffindung des Moses.

Ich stelle mir vor: hier der in seine Lektüre vertiefte Hieronymus, da die in Schmerz versunkenen Trauernden der Pietà. Auf der einen Seite die Fische in den Netzen, das aus dem Wasser gerettete Kind auf der anderen. Hier das helle Cyanblau des weiten Mantels in der Weihnachtsszene und gegenüber der muskulöse, nackte Oberkörper des Kentauren. Und dazwischen hoch zu Ross der Triumphzug.

Sieben Wandbilder für das Vestibül in St.Thomas. Dass Bilder einen Ort haben war mir schon lange ein angenehmer Gedanke. Dass ich sie aufsuchen muss und nicht umgekehrt. Keine Suchmaschine. Der originäre Ort, in dem der Raum der Darstellung und jener der Architektur in meiner Wahrnehmung zusammenfallen. Die Mosaike in Ravenna, die Kreuzlegende Pieros in Arezzo, das Himmelsgewölbe Giottos in Padova. Nach Berlin fahren, um sieben Bilder zu sehen. Ich erinnere mich: zwischen den spätklassizistischen Backsteinbau, die riesige Kuppel und den trostlosen, weiten Platz unter regnerischem Berliner Himmel schiebt sich hell-neu-weiss gestrichen der Vorraum, das Vestibül zur Kirche, und im offenen Portal, im grellen Licht grüsst aufrecht stehend der Jüngling im Triumphzug der Galatea mit den Zügeln des Pferdes in beiden Händen.

St.Thomas-Kirche am Mariannenplatz Berlin-Kreuzberg 18. Januar bis 17. Februar 2002. Hic et nunc, in der Höhe des Raumes, in das Halbrund der Nischen eingepasst. Den Kopf in den Nacken legen wie für barocke Deckenmalereien. (Träumen von Italien) Die Bilder für die Wände und vice versa. Hin- und zurückschauen, von Nische zu Nische und von Blick zu Blick; die Menschengruppen und ihre Ordnungen und Berührungen. Könnte ich eine Leiter hinstellen und zu ihnen emporklettern! Stufe um Stufe über die Bilderwand und Schicht um Schicht durch alle Vorlagen und Vorbilder hindurch, hinauf, hinab.

Die auf Wachstuch aufgezogenen Papierbahnen sind einmal nur in dieser Grösse gedruckt, obwohl sie unendlich oft und in variablen Formaten reproduziert werden könnten. Und was sich hier für kurze Zeit nur zeigt, wurde über Monate kopiert und verschoben, ausgeschnitten und wieder eingesetzt. Ich stelle mir vor: wie die Hand am Bildschirm eine Ebene über die andere schiebt. Ein Stoffstück mit einem rötlichen Schleier überzieht – eine Hand um ihre eigene Achse dreht – einen Frauenkopf in den leicht bewölkten Himmel kopiert – eine Achsel von ihrem Rumpf löst – die Diagonalen und die Staffelungen im Halbrund komponiert – den Zusammenhang stiftet, die Zentren verschiebt und ineinander verschraubt. Die Konstruktion ist offen ersichtlich und verborgen zugleich. Hoch oben an der Wand beginnt sie zu schillern: zwischen Verrenkungen und Versprechungen, zwischen synthetischen Oberflächen und weicher Stofflichkeit. Je länger der Blick darauf ruht, desto deutlicher werden die Schnitte und Verknüpfungen, die einen einheitlichen (Bild)Raum immer nur bis zu einem gewissen Punkt versprechen, um ihn gleich selber wieder in Frage zu stellen.

Die Hände der Liegenden in der 'Auffindung des Moses': Wie sie mit ihrer Rechten die Orange präsentiert, wie die Hand in vornehmer Geste, graziös und doch seltsam verrenkt aus der Tiefe ihres ultramarinblauen Umhangs auftaucht. Während die Linke sich – seitwärts eingeschoben, in dumpfes Licht getaucht, einem anderen Herzschlag und doch dem Rhythmus des Bildes folgend - am Boden, am Bildrand abstützt. Gebrochene Übergänge, zu Ketten verbunden. Traumwandlerisch der Zusammenhalt. Das Aufsetzen der Hufe am Strand - das Abstützen der Füsse auf dem Löwenfell - das Hinlegen der Beine auf den Stallboden - das Daliegen der Fische auf dem Bootsrand. Dies alles verführt meinen Blick, das Gesehene als Szene zu lesen, als (für mich) gebaute Geschichte. Die alten Geschichten natürlich, der Ochse und der Esel und die Hirten, und doch nicht die 'eine' (bekannte): ein vielstimmiges Murmeln und Flüstern, Klagen und Lächeln, Schauen und Schweigen.

Hoch zu Ross mit einem Hochglanzlächeln: Den Verführungen der Werbung werden verborgene Kräfte entlockt. Den Körpern der Magazine ist eine Erotik, eine physische und doch sublime Präsenz zurückgegeben, die in stereotypen Abbildungen verloren geglaubt war. Den leblosen Fragmenten und Gliedmassen ist ein Geist eingehaucht, welcher dem Leben im Bild gilt. Die leisen und beiläufigen Berührungen, das Aneinanderstossen und Aufeinander-beziehen: wie reglose Körper, die aneinandergeschmiegt, lautlos den anderen eher erahnen als wirklich tasten, verharren die Figuren still und atemlos: den Atem angehalten, erstarrt, gespannt. Wie sich etwa die blassen zierlichen Hände auf die kräftigen Schultern des Kentauren legen und ihn doch kaum berühren. Oder wie unterschiedlichste Arme den Gekreuzigten umfassen, eine Tonleiter verschiedenster Hautfarben spielen zwischen giftgrünen Stoffen und gesenkten Blicken.

Der eigene Blick erschöpft sich nicht im Hin und Her zwischen glänzender Oberfläche und matter Tiefe, zwischen erinnerten Bildern und unmittelbarem Erstaunen. Neugierig folgt er dem Reiz und Zauber, der in den Überlagerungen der unterschiedlichen Mythen – der Geschichte, der Malerei, des Alltags – entsteht. Überzeugt vertraut er dem Sinn für das Wunderbare. Und stets fasziniert ihn von Neuem, dass gerade in der Zusammenkunft von Überliefertem, Geklautem, Zitiertem, Übernommenem etwas entsteht, was er so noch nie gesehen hat.

Ich erinnere mich: ein Winterabend in Pompeij. Es dunkelte bereits, als wir die letzten Fresken-Räume betraten. Jemand kommentierte die Darstellungen und da das Tageslicht nicht mehr ausreichte, unterstrich er seine Ausführungen mit dem Strahl einer starken Taschenlampe, die auf der roten Fläche von Figur zu Figur zog, jeweils kurz verharrte, jeder Figur Aufmerksamkeit schenkte und den Erzählfaden weiterspann. In diesen Minuten zwischen Licht und Dunkelheit verschränkten sich so die Figuren auf den Wänden und die vor ihnen Stehenden in einem seltenen Zusammenhang. Es war unklar, wer mit wem sprach und niemand schien sich um die 2000 Jahre zu kümmern, die zwischen uns lagen.

Erstveröffentlichung in Obwaldner Künstlerhefte 2001/2002, St. Gallen, Vexer Verlag, 2002